Sachsen
Ortsgruppe Dresden
Die Landeshauptstadt Dresden steht bei der neuen Carolabrücke vor einer weitreichenden Entscheidung: Auf Wunsch der Mehrheit des Stadtrates wird die Brücke bisher mit vier Fahrstreifen für den Kfz-Verkehr geplant. Im Begleitgremium fordert der VCD nun einen Planungsauftrag schlicht nach den anerkannten Regeln der Technik, denn hier kann bares Geld gespart werden: Gegenüber einer zweistreifigen Variante entstehen nach den vorliegenden Schätzungen zusätzliche Baukosten von 25 bis 30 Millionen Euro. Das entspricht einem jährlichen Schuldendienst von mindestens jährlich 1,5 Millionen Euro über 22 Jahre. Hinzu kommen zusätzlich jährliche Unterhaltskosten von etwa 400.000 Euro.
Wer mehr Geld ausgibt, sollte dafür auch einen entsprechend größeren Nutzen erwarten können. Doch genau dieser zusätzliche Nutzen von zwei weiteren Fahrstreifen ist nicht erkennbar.
Weniger Autoverkehr trotz Bevölkerungswachstum
Die Entwicklung des Verkehrsaufkommens spricht vielmehr für eine zurückhaltende Dimensionierung: Die Zahl der täglichen Autofahrten über die Dresdner Elbebrücken ist seit 2016 um rund 14 Prozent zurückgegangen – trotz des Bevölkerungswachstums. Und der Trend hält an. An der Carolabrücke wurden vor ihrem Einsturz noch rund 31.400 Kfz pro Tag gezählt. Damit lag das Verkehrsaufkommen bereits bei nur noch etwa zwei Dritteln des Wertes von 2009.
Auch die von den Fachplanern zugrunde gelegte Verkehrsprognose weist nicht auf steigende, sondern auf weiter sinkende Belastungen hin. Fünf Jahre nach Fertigstellung der neuen Brücke werden demnach zwischen 22.000 und 30.500 Kfz pro Tag erwartet.
Noch deutlicher wird die Frage der Dimensionierung beim Blick auf die sogenannten “auslegungsrelevanten Kennzahlen”. Für die Spitzenstunde an Werktagen werden laut Prognose maximal rund 2.500 Kfz erwartet. Eine Brücke mit vier Fahrstreifen wäre damit selbst in der Hauptverkehrszeit mit unter 70 % ihrer Leistung deutlich unter ihrer Kapazitätsgrenze ausgelastet.
„Kein wirtschaftlich agierendes Unternehmen würde seine Produktionsanlagen dauerhaft für eine so geringe Auslastung dimensionieren. Eine solche Verschwendung von Ressourcen könnten sich Unternehmen nicht leisten“, sagt Dipl.-Verkehrswirtschaftler Clemens Kahrs vom VCD Dresden.
Vier Fahrstreifen lösen kein Verkehrsproblem
Doch welchen konkreten Nutzen hätten vier Fahrstreifen? Weniger Stau? Offensichtlich nicht. Die für die Leistungsfähigkeit entscheidenden Knotenpunkte vor und hinter der Brücke sind die bestimmenden Faktoren. Auch spürbar kürzere Fahrzeiten sind durch zwei zusätzliche Fahrstreifen auf der Brücke nicht zu erwarten, da auch diese maßgeblich von den nachgelagerten Kreuzungen und deren Ampelschaltungen bestimmt werden.
Auch das Argument einer größeren Redundanz im Dresdner Straßennetz überzeugt nicht. Die aktuelle Situation zeigt, dass das Verkehrssystem auch ohne Carolabrücke grundsätzlich funktionsfähig ist. Zudem kann die neue Brücke auch mit zwei Fahrstreifen so geplant werden, dass man flexibel auf besondere Situationen reagieren kann. So können Rettungsfahrzeuge die Straßenbahngleise mitnutzen.
Keine teure Teststrecke für autonomes Fahren
Auch die Vorstellung, zusätzliche Fahrstreifen für das künftig autonome Fahren vorhalten zu müssen, kann nicht überzeugen.
„Wenn autonomes Fahren dazu führt, dass noch mehr Fahrzeuge unterwegs sind, haben wir bei der Gestaltung unserer Mobilität etwas falsch gemacht. Es wäre absurd, heute viele Millionen Euro zusätzlich für eine Art Teststrecke in der Innenstadt auszugeben, auf der künftig möglicherweise leere Fahrzeuge unterwegs sind“, sagt Fahrzeugingenieur Fabian Schmiedt vom VCD Dresden.
VCD: Fachplanung und Regelwerk ernst nehmen
„Der Stadtrat sollte der Kreativität und Fachkompetenz der Planungsbüros vertrauen und ihnen keine Denkverbote auferlegen“, fordert Karsten Imbrock, Sprecher des VCD Dresden. „Wir brauchen eine Carolabrücke mit Maß und Mitte: leistungsfähig, sicher, zukunftsfähig und wirtschaftlich. Wenn die Stadt dabei viele Millionen Euro sparen kann, ist das ein zusätzlicher Gewinn für alle in Dresden.“
Der VCD Dresden fordert deshalb im Begleitgremium, den weiteren Planungsauftrag für die neue Carolabrücke nüchtern und bedarfsgerecht zu formulieren und bei der Dimensionierung die allgemein anerkannten Regeln der Technik für die Planung der Kraftverkehrsanlagen zugrunde zu legen.
„Die Entscheidung über die endgültige Dimensionierung sollte der Stadtrat auf Basis des tatsächlichen Verkehrsbedarfs und belastbarer Prognosen treffen – nicht aufgrund von teuren Wunschvorstellungen. Eine Dimensionierung nach Regelwerk schafft eine leistungsfähige Verkehrsanlage“, so Imbrock abschließend.